Warum wir bei Bäumen so aufgeregt reagieren

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23. Februar 2020

Bäume werden gefällt. Hinterm Kolleg. – Stand dieser Tage in der Zeitung. Keine weitere Erläuterung, warum genau diese Meldung eine für den Zeitungsleser relevante Nachricht sein könnte. Gefahr von Ästen, die auf Autos stürzen? Drohende Straßensperrung wegen der Baumfällarbeiten? Nope. Nix. Nada. Warum dann also diese Meldung auf der Lokalseite 1, unten rechts, an prominenter Stelle?

Nun vermutlich aus demselben Grund weswegen in der Zeitung immer gerne von zu fällenden Bäumen berichtet wird: weil die Zeitungsmacher glauben, so etwas würde Leser bewegen, aufregen. Vielleicht schreibt einer einen aufwühlenden Leserbrief? Leserbriefe sind ja aus Redakteurssicht immer der höchste und stärkste Beleg dafür, mit der Berichterstattung „den Nerv der Leser“ getroffen zu haben…

Nehmen wir mal an, die Leser berührt so ein Baumthema wirklich, dann folgt als nächstes die Frage: Warum ist das so? Warum funktionieren Bäume als Thema in der Lokalpresse? Da hilft – wie immer in solchen Fällen – ein Blick ins praktische Leben. Es ist nämlich so, dass aus individueller Sicht Bäume immer schon da waren. Der Grund ist: Bäume werden 80 bis weit über hundert Jahre alt, bevor sie sterben oder abgeholzt werden müssen. Der zweite Grund: Wenn Bäume abgeholzt werden, geschieht das sowieso immer einzeln. Förster streifen durch den Forst, markieren schlagreife Bäume mit der Spraydose, dann kommt die Maschine und zieht den einzelnen Stamm raus. An dessen Stelle wird umgehend aufgeforstet. Dann muss man 80 Jahre warten.

Was wir nie sehen (außer bei Orkanen wie Friederike oder Kyrill), sind ganze Waldflächen, die kahl geschlagen werden. Kluge Waldbauern wissen, dass Forstwirtschaft per Kahlschlag überhaupt nicht funktioniert, weil die Bäume sich gegenseitig Schutz bieten müssen.

Deswegen sind wir geneigt zu glauben, Bäume seien schon immer dagewesen und es sei ein Frevel, Bäume umzuhauen. Was, wie oben dargestellt, grundfalsch ist: Bäume müssen weg, wenn sie zu alt oder krankt sind. Sonst hätten wir übrigens keine Möbel, keine Dachstühle, kein Brennholz. Leider treibt die menschliche Baumromantik ganz besondere Blüten, wenn einzelne Bäume – sagen wir die Dorfkastanie oder die Platanen auf dem Marktplatz – umgehauen werden. Das mindeste, was in solchen Fällen droht, ist eine Unterschriftensammlung. Gerne wird auch beim einzelnen Baumschicksal der Klimaschutz als Verhinderungsargument strapaziert. Die Frage nach dem Baumalter oder nach dem Sinn wird nicht gestellt und erst recht nicht geklärt. Es reicht die schockierende Vorstellung: Dieser Marktplatz, wo heute noch die Kastanie steht, der sieht morgen anders aus. Und das wollen Menschen nicht so gerne, weil Menschen keine Menschen sind, sondern Gewohnheitstiere.

Und genau mit diesem Phänomen spielen Medienmacher. Sie wissen ganz genau, warum eine Baum-Story (zumal im urbanen Umfeld) eine Schlagzeile wert ist. Oder doch zumindest eine Meldung unten rechts auf Seite 1.

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Übrigens: Nach Fertigstellung des obigen Textes erschien in der Lokalzeitung am Dienstag, 18. Februar 2020, ein Artikel übe eine kranke und daher zu fällende Rosskastanie bei der Musikschule. Und am Donnerstag, 20. Februar, erschien ein Beitrag über abzusägende Birken zum Schutz der alten Klärteiche an der Zuckerfabrik.  In beiden Fällen entsteht wiederum die Frage: warum wird das berichtet? Wo ist die relevante, für unser aller Leben bedeutungsvolle Nachricht? – Wer will das alles wissen? Wem nützt diese Information?

Ewald.Pruente@SoestExtra.info