Prünte schreibt über die Inszenierung des Wippens

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09. Februar 2020

Der Karneval naht, da ist es naheliegend, sich mit den Bürgerschützen zu befassen. Die verfügen ja nicht nur über Zylinder und das zentrale Soester Schützenfest, sondern auch über das Wippen am Großen Teich. In der Tat ist dieses Ereignis eine einzigartige – soll man sagen: Tradition? – in ganz Deutschland. Ein Alleinstellungsmerkmal für den Schützenverein wie für die Stadt gleichermaßen. Ein Pfund, mit dem sich touristisch und marketingmäßig wuchern ließe. – Allein: die Show ist in die Jahre gekommen, dasaProdukt an sich ist zwar nett, aber nicht mehr stimmig.

Wer sich (in diesem Jahr erstmals an einem Samstag: 20. Juni 2020 ) auf die Stufen am Großen Teich, direkt beim Solista stellt und über das Wasser schaut, erlebt nämlich eigentlich fast nichts. Wenig aufregend, muss man sagen. Unsere Augen, von Fernsehgewohnheiten verwöhnt , erkennen im Großen und Ganzen ein Farbfoto und unsere Ohren hören über die Lautsprecher eine mehr oder weniger informative Tonspur dazu. Die dann übrigens minutenlange Aussetzer hat, wenn einer von den drei Delinquenten im gelben Kittel zur gelben Wippe schlendert. – So geht das natürlich nicht. Nicht im 21. Jahrhundert, in dem wir von Reizüberflutung geprägt, erwarten, dass dauernd irgendwo irgendwie etwas passiert. (Ich kann es doch auch nicht ändern, Leute – ist nun mal so!)

Die Schützenfest-Macher wissen das selbstverständlich und tüfteln offenbar daran, das Gesamtprodukt zunächst mal visuell attraktiver zu machen. Man darf gespannt sein. Möglicherweise holen sie sich jemanden, der was von Inszenierungen versteht, als Berater dazu. Jemand, der einschlägige Erfahrungen hat sammeln können bei der Stadtoper, bei der Soester Fehde oder als Fernsehmacher. Vermutlich würde dieser Fachmensch empfehlen, als Allererstes mal die 10 000 Leute zu verbannen, die vor dem Bühnenwagen stehen und den Blick auf das Geschehen verstellen. Dann würde dieser Inszenator sicherlich fordern, dass endlich mal Bewegung in die Darsteller kommt. Die Bühne (und wenn es nur die Ladefläche eines LKW-Anhängers ist, wie üblich), kann für Action genutzt werden. Personen könnten von A nach B gehen, der Scharfrichter könnte sich bewegen und gestikulieren.  Und dann der Gang zum WippRichter: Während dieser  drei Minuten müsste eigentlich ein Moderator dem geneigten Publikum Hintergründiges zum Wippen, zur Stadt, zum Tag, zum Teich zum Wetter et cetera erzählen. Nicht in Reimform, wie der Scharfrichter. Sondern im Reporter-Ton, wie beim Biathlon oder beim Golf. Da könnte den auswärtigen Gästen viel Werbendes über Soest erzählt werden. Das hätte nachhaltige Wirkung; viele würden vermutlich wiederkommen und die Stadt zu einem anderen Termin erneut besuchen.

So wäre mit wenigen Tricks schon viel gewonnen – und das Fernsehen würde wohl auch mal wieder vorbei schauen, weil man schönere Bilder bekäme als die bislang üblichen Standfotos.

Sicher, Inszenierung heißt wahrscheinlich auch Probenarbeit; vielleicht kostet es sogar zusätzliches Geld. Aber mal ganz ehrlich: wer das Wippen so ernst nimmt, wie die Bürgerschützen, der dürfte sich mit halben Sachen nicht zufrieden geben. Nicht in Soest, nicht als Traditionsverein. Nicht mit dieser deutschlandweit einzigartigen Attraktion.

Ewald.Pruente@SoestExtra.info